Wie man Armut und Reichtum kindgerecht erklärt

Wo siedeln wir als Erwachsene Begriffe wie Reichtum und Armut eigentlich an? Nun, grob gesagt irgendwo zwischen Dagobert Duck’schen Fantastilliarden und Bettelmönch-Besitz. Anders formuliert, ist das Ranking sowohl von Armut wie auch von Reichtum relativ: absolute und gefühlte Armut versus Wohlstand, Einkommens- oder auch Vermögensmillionäre.

Hinzu kommen offizielle Definitionen von Armut, wie sie beispielsweise die Weltbank gibt. Dieser zufolge lässt sich dann von absoluter Armut sprechen, wenn ein Mensch täglich weniger als 1,90 Dollar zur Verfügung hat.

Für viele von uns sind beide extremen Enden der Einkommensskala konkret kaum greifbar. Und wenn wir als Erwachsene damit schon Probleme haben, wie geht es dann erst unseren Kindern? Wie lassen sich Armut und Reichtum so erklären, dass Kinder es verstehen und – schwieriger noch – wie antworten wir auf die Frage unserer Kinder, ob wir als Familie reich oder arm sind?

Nur auskommen mit dem Einkommen?

Ein Blick in den Kühl- und Kleiderschrank, ins Kinderzimmer, in die Garage oder den Garten: die meisten von uns werden sagen, dass sie genug haben, um jeden Tag glücklich, gesund und gut genährt genießen zu können. Vielmehr werden einige von uns sogar eher feststellen, dass wir hier und da eigentlich zu viel von dem einen oder anderen haben.

Natürlich, zwei Autos, Staubsauger, drei Kisten voller Bausteine und zwei Urlaube pro Jahr machen weder uns noch unsere Kinder zwangsläufig zu Millionären. Genauso wenig müssen wir um unsere Existenz fürchten, wenn wir nur einen fahrbaren Untersatz, keine Garage oder nur ein kleines Wohnzimmer haben.

Anders gesagt: Wir haben ein gutes Auskommen mit unserem Einkommen und sind weder arm noch reich. Auch wenn diese Ausschluss-Koordinaten Kindern nicht immer helfen zu verstehen, ob man denn nun als Familie reich oder arm ist, stellt das „Irgendwo-Dazwischen“ zumindest eine erste Orientierung dar, wahlweise einhergehend mit einer gewissen und Erleichterung oder auch Enttäuschung.

Gerne konkreter erklären

Was die kindgerechte Definition von Reichtum betrifft, hat uns der legendäre Cartoonist Carl Barks ja glücklicherweise ein kindgerechtes Beispiel gegeben: Dagobert Duck, der reichste Erpel der Welt und sein regelmäßiges Bad in seinem Goldtalerspeicher – ein sprichwörtlicher Über-Fluss an Geld.

Neben Dagobert Duck gibt es noch andere, realere Beispiele dessen, wie Reichtum und Luxus aussehen können:

  • Wir können unser Kind bitten sich vorzustellen, dass es statt einem gleich sieben Betten hätte, eines für jeden Tag und das Sonntagsbett gleich doppelt so groß. Natürlich braucht ein Kind normalerweise auch nur ein Bett. Gleich sieben davon zu besitzen bedeutet Reichtum und vor allem Luxus, also etwas über ein durchschnittliches Maß hinaus zu besitzen, ohne es wirklich zum Leben brauchen.
  • Genauso verhält es sich andersherum mit Armut: Wenn man sich ein Bett oder auch ein einziges Spielzeug mit seinem Bruder oder mit seiner Schwester teilen muss, weil nicht genug Geld da ist, um zwei Betten oder zwei Spielzeuge zu kaufen, ist man wahrscheinlich recht arm.

Es geht im Grunde also darum, Armut und Reichtum in konkrete Beziehung zur Wahrnehmung des Kindes zu setzen:

  • Was verdienen Mama und Papa?
  • Was kosten die Wohnung, das Haus, Kleidung, Auto(s), Essen und Trinken?
  • Wie viel bleibt am Ende eines Monats übrig, um sich das leisten zu können, was über Grundbedürfnisse wie Wohnen, Essen und Trinken hinausgeht, also beispielsweise einen Urlaub?

Auch Sparen sollte zur Sprache kommen

Wird man durchs Sparen wirklich reich und falls nicht, wozu dienen dann Sparen und das Aufschieben von Konsum überhaupt? Beim kindgerechten Erklären von Armut und Reichtum spielt das Sparen eine zentrale Rolle.

Schließlich kann bei Kindern schnell der Eindruck entstehen, dass man, wenn man ganz viel spart, irgendwann sehr reich ist, praktisch im selben Tempo, wie sich Spardose und Sparkonto füllen und womöglich durch Zinsen noch praller und voller werden.

Dass dem nicht unbedingt so ist und dass Gespartes mitunter auch einhergeht mit Verzicht und Verschieben von Anschaffungen, ist die Kehrseite des Goldtalers. Andererseits stellt genau dies auch einen guten Ansatzpunkt dar, um zu zeigen, dass Sparen eben auch seine Schattierungen besitzt: Es muss nicht zwangsläufig reich machen, kann aber andererseits auch einen Notgroschen darstellen und damit Armut zumindest in gewisser Weise vorbeugen.

Arm, reich, relativ

Armut und Reichtum funktionieren nur als Gegensatzpaare. Dabei sind die Kontraste und Graustufen in beide Richtungen vielfach vorhanden. In diesem Sinne können wir unseren Kindern erklären, dass wir unseren gemeinsamen Badeausflug zwar nicht in unserem Goldtalerspeicher machen können, dafür aber jeden Tag etwas zu essen, trinken und zum Anziehen haben und dass es Menschen gibt, die genau das nicht haben.

Wir sollten unseren Kindern erklären, was Kinderarmut ist, denn immerhin sind davon fast 3 Millionen Kinder und Jugendliche und damit rund ein Fünftel der Minderjährigen in Deutschland betroffen. Kinder und Jugendliche, deren Eltern sich weder (größere) Kindergeburtstage oder Geschenke noch Klassenfahrten, Ausflüge oder eine größere Wohnung leisten können. Damit haben wir Armut nicht unbedingt genau definiert, sehr wohl aber verständlich eingeordnet.

Darum geht es letztlich – und um Fingerspitzengefühl. Schließlich löst Armut gerade bei Kindern Schamgefühle aus. Kaum jemand möchte darüber sprechen. Auch das sollten wir unseren Kindern vermitteln, wenn wir ihnen versuchen zu erklären, was Armut bedeutet.

Umgekehrt sind nicht wenige der Meinung, dass Reichtum auch Verantwortung bedeutet. Und das schließlich gehört zur Definition dessen, was reich sein unter anderem ausmacht

AusREICHende Faktenlage

Einer aktuellen Studie zufolge ist bzw. wäre es nur knapp einem Viertel der Männer und nicht einmal einem Fünftel der Frauen in Deutschland wichtig, reich zu sein. In vielen anderen europäischen Ländern liegen diese Werte bei über 30 und bis zu 40 Prozent.

Außerdem empfindet es mit etwa 50 Prozent nur noch knapp die Hälfte der deutschen Bevölkerung als erstrebenswert reich zu sein, wo es vor drei Jahren doch noch knapp 70 Prozent waren.

Wir wissen nicht, warum der Stellenwert von Reichtum in diesem Maß abgenommen hat. Wir hoffen aber, dass anstelle des Strebens nach Geld und Goldtalern die gemeinsame Zeit mit den eigenen Kindern getreten ist. Schließlich sind solche Momente der einzige Wert, der alles andere vermehrt.

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